25.11.2008

Hélène Grimaud und Rachmaninows 2. Klavierkonzert

Hélène Grimaud erschien: eine Erscheinung wahrhaftig! Sie trug eine einfache schwarze Satinhose, Wildlederstiefel, dazu ein Oberteil mit leicht durchsichtigen langen Ärmeln, hatte einen athletischen Gang wie ein Mann, sah wunderschön aus und doch zart wie ein Kind. Noch nie habe ich - außer vielleicht Midori, meine Lieblingsgeigerin, die wenigstens Kleider trägt - im Konzertsaal optisch eine Solistin so wenig Aufhebens von sich machen sehen.
Das Orchester war zu laut. Und ab Mitte erster Satz zog ein ekliger Piepston durch den Saal - vielleicht von einem Hörgerät, der alles zerstörte. Sie schüttelte den Kopf wie ein Tier, um den Ton wegzubringen, aber er beeinträchtigte ihre Konzentration. Manchmal blickte sie auf, auf der Suche nach der Quelle, aber dann zog sie sich wieder zurück und es waren nur noch ihre Haare zu sehen und darunter die zusammengekrümmte Gestalt am Flügel. Aber dennoch: unglaublich kraftvoll der Anschlag mit allen 10 Fingern, manchmal sogar mit einem Heben des Körpers vom Klavierhocker verstärkt, geriet ihr der Kampf mit dem zu großen Orchester ("100 gegen eine"!) doch so, dass man sie nicht als Opfer betrachten konnte. Ich verstehe jetzt, dass ein Wolf, der sie locker mit einem Biss töten könnte, Respekt vor ihr hat. Sie gab keine Zugabe, was ich sehr verständlich finde, und die Blumen, die sie obligatorisch bekam, betrachtete sie befremdet. Kurz: sie verstellt sich nicht.

Konzerthaus Dortmund 22.11.2008
London Philharmonic Orchestra
Vladimir Jurowski
Hélène Grimaud

Claude DebussySymphonische Fragmenteaus: »Le Martyre de Saint Sébastien«
Sergej RachmaninowKonzert für Klavier und Orchester Nr. 2 c-moll op. 18
Peter Iljitsch TschaikowskySinfonie Nr. 6 h-moll op. 74 »Pathétique«

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